• Neue Orgel St. Martin

    Neue Orgel St. Martin

Aufbruch in die Moderne

Die musikalische Arbeit an St. Martin in Kassel ist seit Jahrzehnten von der Begegnung mit zeitgenössischer Musik geprägt. Komponisten wie Dieter Schnebel, Charlotte Seither, Isabell Mundry, Marek Kopelent, Lucia Ronchetti und viele andere standen immer wieder im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit.

Die neue Orgel steht im Kontext dieser Spurensuche zeitgenössischer Musik. Das Instrument sucht in seiner klanglichen, technischen und visuellen Konzeption neue Wege der Vernetzung der genannten künstlerischen Parameter.

In dem neuen Instrument der Firma Rieger Orgelbau vereinen sich exemplarisch in bisher nicht realisierter Weise Expressivität, Mikrotonalität und radikale künstlerische Gestaltung. Der Einweihung am 4. Juni 2017 folgt ein internationales Festival bis zum 3. September 2017.

Die flexible Windregulierung wird für das gesamte Werk, die einzelnen Teilwerke unabhängig voneinander und nicht zuletzt für jeden einzelnen Ton realisiert. Alles mit der klassischen Schleiflade, die sich historisch bewährt hat und dem Spieler maximale Sensibilität gewährt.

Der Versuch, größte klangliche Expressivität durch den Wind zu erreichen, wird außerdem in einem vierten Manual umgesetzt, dessen durchschlagende Zungenregister im Spieltisch auf einem eigenen Balg untergebracht sind. Diesen Balg kann der Spieler unmittelbar beeinflussen.

Dem Pfeifenbau, der Spieltraktur, der Registertraktur sowie der Intonation wird höchste Aufmerksamkeit zuteil. Ein Beispiel für viele kann hier genannt werden: in der Setzeranlage können sämtliche Schleifenpositionen gespeichert werden.

Eine Frage beschäftigt die Orgelkommission intensiv: Wie können die Anforderungen an Teiltöne über der Zwölftonskala in einer Orgel realisiert werden. Wir wissen, dass  Komponisten dies heute mehrheitlich fordern. Der Orgelbau hat darauf bisher keine Antwort gefunden, die einen definierten Zugriff erlaubt. Hier beschreitet die geplante Orgel St. Martin Neuland, indem das vierte Manual komplett vierteltönig ausgebaut wird. 24 Töne pro Oktave stehen den Komponisten hier zur Verfügung. Die technische Umsetzung lehnt sich, nach intensiver Recherche, an den historischen Cembalobau mit Subsemitonien an.

Nicht zuletzt ist auch die Visualisierung des Klangkörpers ein radikaler Schritt in die Gegenwart. In einem gesonderten Wettbewerb konnte der norwegische Künstler Yngve Holen die Jury mit seinem Konzept überzeugen, das er mit Unterstützung des Architekten Ivar Heggheim verwirklicht.

Der künstlerische Entwurf von Yngve Holen hebt die Schwere des Baukörpers durch skulpturale Leichtigkeit auf und transformiert den Klang der Pfeifen in sichtbare Bewegung. Rhythmisch gestaffelt, greifen die minimalistisch gestalteten Orgelpfeifen die Architektur des Kirchenbaus auf, ohne dabei die Leichtigkeit der Gestaltung zu stören.